Schnelles Ende

Der morgendliche Weg zur Arbeit führt mich mit dem PKW durch eine klischeebehaftete landwirtschaftliche Gegend. Grün bis der Star kommt und freie Sicht bis zum Horizont. Obwohl es gerade mal fünf Kilometer sind, die diese Agrarparadestrecke lang ist, kommt mir dieses Stück endlos vor. Die Straße führt aber auch schnurgerade durch Felder und vorbei an kleineren Waldstücken; in etwa so, wie die Highways in den USA. Nicht die leichteste Biegung fordert vom Fahrer Aufmerksamkeit oder gar aktives Eingreifen am Lenkrad. Da muss man sich nur am Kautschuk festhalten und den Fuß aufs Gaspedal stellen. Glücklich der, der einen Tempomaten besitzt. Ich habe ihn leider nicht in meinem Wagen und muss stattdessen auf die feine Dosierfähigkeit meiner Waden- und Oberschenkelmuskulatur vertrauen, mit der ich das Fahrzeug um die 70 km/h halte.
Schneller ist da auch nicht auf dem kleinsten Teilstück erlaubt und alle paar Kilometer steht einer dieser Starenkästen, aus denen heraus Polizeibeamte ihrer voyeuristischen Ader frönen. Deshalb also fünf Kilometer im Halbschlaf – einfach besser fürs Portemonnaie.

Die Straße führt vorbei an einigen größeren Bauernhöfen. Sie liegen unmittelbar an der Landstraße. Wie oft habe ich mich schon gefragt, warum jemand, wenn er schon so ländlich wohnt, sein Haus direkt dorthin baut, wo tagein, tagaus tausende Fahrzeuge vorbei brettern. Nun, wahrscheinlich ist es so, dass die Verkehrsanbindung einfach wichtiger ist und die Erschließungskosten schlichtweg zu hoch sind.

Einer dieser Höfe ist riesig. Jede Menge neu errichtete Gebäude sind inzwischen um das ursprüngliche Bauernhaus gruppiert. Ein gewaltiges Anwesen.
Als ich heute Morgen auf diesen Hof zufuhr – auch er liegt natürlich direkt an der Straße – konnte ich sehen, wie ein gewaltiger Traktor von einem der angrenzenden Gebäude kommend auf die Straße zufuhr. Augenscheinlich musste er sie überqueren, um zum jenseits der Straße gelegenen Feld zu gelangen.
Ein stattlicher Rottweiler begleitete den Traktor. Er war wohl vom Führer der Zugmaschine aus seinem Zwinger geholt worden und zeigte überschwängliche Freude darüber. Fast tänzelnd lief er um den Trecker herum und machte dabei regelrechte Luftsprünge. Die reine Lebensfreude.
Mein erster Gedanke galt der Straße. Doch dann dachte ich, niemand würde einen Hund einer solchen Gefahr aussetzen, es sei denn, er ist sich sicher, dass der Hund damit umgehen kann.
Ich war etwa noch hundert Meter vom Hof entfernt und schaute mir diese Szene völlig fasziniert an, da der Rottweiler diese geballte Lebensfreude zeigte.
Da geschah es. Der Hund lief seitlich zum Traktor gewand vor diesem her und ließ dabei den Fahrer nicht aus den Augen. Das Fahrzeug hatte jetzt den Straßenrand erreicht und stoppte.
Plötzlich machte der Rottweiler einen Satz und stand mitten auf der Straße, immer noch seinen Herrn fest im Auge.
Der auf der Gegenfahrbahn ankommende BMW hatte keine Chance. Er war nur zehn Meter entfernt, als der Überschwang den Hund auf die Straße trieb. Das Bremsmanöver zeigte kaum Wirkung. Die Stoßstande traf genau den massigen Schädel des Vierbeiners. Leblos wurde das Tier nach vorne geschleudert und rotierte acht- neunmal um die eigene Achse über den Asphalt, bevor es in das hohe Gras des Begrenzungsstreifens glitt und dort liegen blieb.
So schnell habe ich nie Leben aus einem Körper schwinden sehen.
Während mir noch die ganze weitere Fahrt die Knie zitterten, konnte ich im Rückspiegel sehen, dass der Bauer seinen Traktor über die Landstraße auf das Feld bewegte. Ob er abgestiegen ist, habe ich nicht gesehen.
In der Landwirtschaft hat man wahrscheinlich ein anderes Verhältnis zum Leben.

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~ von Kai Mauer - November 23, 2006.

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