Aus der tiefsten Magengegend

Heute morgen habe ich es wieder geübt. Vor dem heimischen Kassettenrekorder. Auf die Aufnahmetaste gedrückt. Einen Augenblick meditiert. Mit zutiefst aufstoßende Wahrheiten ins Hirn gerufen. Und es dann einfach aufsteigen lassen. Magenerbebend. Angsteinflößend. Erdbebenverursachend. Ein tiefes Knurren. Dann auf Stop gedrückt, zurückgespult und Probe gehört. Die Katzen in der Wohnung auf der anderen Straßenseite der vierspurigen Fahrbahn sprangen elektrisiert von der Fensterbank. Erfolg.

Seit einigen Monaten mache ich das einmal wöchentlich. Seitdem ich auf den Trichter gekommen bin, dass die Sprachzentren vieler Gegenüber einer sauberen Argumentation einfach nicht folgen können und meine körperliche Konstitution nicht geeignet ist, physische Gewalt anzudrohen.

Heute morgen habe ich es mal wieder gebraucht. Ich hatte mich gerade in Ruhe zurechtgesetzt, in der Straßenbahn, die ich von morgens halb neun bis neun mein Heim heiße. Neben mir ein ziemlich dicker Kerl, nein, mir ist heute nicht nach sprachlicher Korrektheit, ein Fettsack, der sich mit einer Handvoll von Kleinen Feiglingen aufwärmte.  Er atmete lauter als eine startende A380. Und stank.

Auftritt: die Kontrolleure. Der eine gemütlich-dick, der andere schlank-energisch. Aber das ist nicht der Unterschied, auf den es meinem Nachbarn ankam. Nein, es waren die Hautfarben. Denn das dünne Hemd hatte tiefschwarze Pigmente.

Ich spürte so richtig, wie mein Nachbar sich aufplusterte. Er pumpte Luft in sich hinein, riss die Augen auf, der Druck in seinem Kopf wurde so stark, dass gleich noch ein paar Haare ausfielen, und die Knie zuckten polyrhythmisch. Als er genug Magma in seinem Magen gesammelt hatte, brach es aus ihm raus: „Was willst Du mich kontrollieren, Schwatter? Haste ’nem Deutschen den Job weggenommen, watt.“

Ja, so sprechen Engel.

Der Kontrolleur blieb ruhig, forderte die Fahrkarte und verdrehte folgerichtig die Augen, als ihm diese nicht von Herrn Fettsack präsentiert wurde. Stattdessen ein stetes Keifen mit rassistischen Obertönen. Der Kontrolleur blieb weiterhin ruhig und forderte noch einmal die Fahrkarte. Die entstehende Pause nutzte ich:

Ich aktivierte das tiefe Grollen in mir. Keiner wusste, woher der Klang meines internen Subwoofers rührte. Doch die Unschuldigen schlossen die Augen und fühlten sich geborgen. Dieser fette Waldwutz neben mir hingegen, mit seiner angerosteten Seele, fühlte sich ertappt, die Augen zuckten hektisch hin und her, und die dicken Wangen schienen noch mehr zu hängen als zuvor. Ich meinte sogar, ein Angstfurz entfleuchte seinem Arsch.

Mit aus dem Takt gekommenen Atem holte er irgendwo eine gültige Fahrkarte aus der Hose im Greasy-Style, presste sie demfarbigen Kontrolleur in die Hand und als die Bahn dann an einer Haltestelle stoppte, hetzte er die Stufen hinunter, stolperte, raffte sich wieder auf und ging in die Unterführung.

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~ von Ulli Kiebitz - November 22, 2006.

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