FREITAGSTEXTER

•Dezember 7, 2006 • Schreibe einen Kommentar

Gewonnen habe ich ihn hier, aber die Fortsetzung wird hier ausgetragen. Aber nicht jetzt schon gucken. Erst ab Freitag, gelle.

Broccoli-Auflauf

•November 27, 2006 • Schreibe einen Kommentar

Gestern ist eingetreten, was ich mir immer schon gewünscht habe: Ich war in Frankfurt und kam nicht mehr weg. Im Ernst: Frankfurt ist eine der schönsten Städte des Universums. Geschmackvolle Straßenzüge, wohlgewählte Proportionen, ein klarer Aufbau. Die Bewohner zeichnen sich durch einen sympathischen Dialekt und schnelle Auffassungsgabe aus.

Schon die ersten Schritte in dieser Metropole der Ästhetik waren ein Vergnügen. Wir verließen das Parkhaus genau auf dem Römerplatz und sahen, und sahen, und sahen etwas, das im Augenblick wie eine Seuche in unserem schönen Heimatland umgeht. Einen Weihnachtsmarkt. Wenn das schon alles gewesen wäre, ich würde ja kein Wort darüber verlieren. Doch dieser Weihnachtsmarkt sollte erst in einer Viertelstunde öffnen. Alle Jalousien standen auf Halbmast, der himmlische Geruch nach Bratwurst und Popcorn machte sich breit. Und diese angenehmen Menschen auf der Straße (ja, ich weiß, wir waren auch da, doch hätten wir das esattamente gewusst, hätten wir natürlich die Atmosphäre nicht durch unsere Anwesenheit in bad vibrations versetzt), sie schoben sich Schulter an Schulter über das raue und doch so ursprüngliche Kopfpflaster.

Meine Augen tränen bei der Erinnerung an so viel schieres Vergnügen. Und als dann noch der Weihnachtsmarken seine Weihnachtstürchen öffnete, nein wie süß.  Genug der Reminiszenzen.

Zu früh, viel zu früh trieben uns die Verpflichtungen wieder in Richtung Parkhaus. Denn das Schöne ist nur des Abschieds Anfang. Schon kaum nach 15 Minuten hatten sich die Autoschlangen so weit aufgeflöst, dass wir das Parkhaus verlassen konnten. Heim, heim, der Ruf hallte aus allen Richtungen. In die führten aber auch die Straßenschilder. Vertrauensselig folgten wir diesem blau-weißen, Ihr wisst schon, mit diesem stilisierten A.

Und kaum, dass wir die letzte Biege genommen hatten, stehen wir mitten im Stau. Die volle Stunde lag gerade fünf Minuten zurück, so dass der Lauf meiner Lieblings-Stefan-Mross-CD unterbrochen wurde. Die zarte Stimme meiner Ex-Geliebten aus dem Radio verkündete Vollsperrung, beide Richtungen. Ein Laster sei von der Straße abgekommen, die Ladung läge nun verteilt auf den Fahrspuren. Ihr erratet es schon: Es war Broccoli. Ein schöner Tag …

Die Hände in Unschuld waschen

•November 27, 2006 • 1 Kommentar

Tauchen Sie ein in eine neue Welt. Nichts ist, was es scheint. Unten ist oben. Oben ist unten. Die Merkel wählt den Schröder ins Amt zurück. Und Putin liebt die Welt. Eine findige Firma nutzt gnadenlos eine Marktlücke aus: Diese Kot-Trümmer säubern unsere Hände. Immerhin geben Sie damit auch einen politischen Kommentar ab. Wir leben nicht mehr in Zeiten, in denen man die Hände in Unschuld waschen kann. No, no, no. Wir müssen tief ins Klo hineinpacken und danach duften unsere Hände himmlisch nach italienischem Cappuccino. Danke!

Das ist ja eine saubere Scheiße

— gefunden via Gizmodo

Schnelles Ende

•November 23, 2006 • Schreibe einen Kommentar

Der morgendliche Weg zur Arbeit führt mich mit dem PKW durch eine klischeebehaftete landwirtschaftliche Gegend. Grün bis der Star kommt und freie Sicht bis zum Horizont. Obwohl es gerade mal fünf Kilometer sind, die diese Agrarparadestrecke lang ist, kommt mir dieses Stück endlos vor. Die Straße führt aber auch schnurgerade durch Felder und vorbei an kleineren Waldstücken; in etwa so, wie die Highways in den USA. Nicht die leichteste Biegung fordert vom Fahrer Aufmerksamkeit oder gar aktives Eingreifen am Lenkrad. Da muss man sich nur am Kautschuk festhalten und den Fuß aufs Gaspedal stellen. Glücklich der, der einen Tempomaten besitzt. Ich habe ihn leider nicht in meinem Wagen und muss stattdessen auf die feine Dosierfähigkeit meiner Waden- und Oberschenkelmuskulatur vertrauen, mit der ich das Fahrzeug um die 70 km/h halte.
Schneller ist da auch nicht auf dem kleinsten Teilstück erlaubt und alle paar Kilometer steht einer dieser Starenkästen, aus denen heraus Polizeibeamte ihrer voyeuristischen Ader frönen. Deshalb also fünf Kilometer im Halbschlaf – einfach besser fürs Portemonnaie.

Die Straße führt vorbei an einigen größeren Bauernhöfen. Sie liegen unmittelbar an der Landstraße. Wie oft habe ich mich schon gefragt, warum jemand, wenn er schon so ländlich wohnt, sein Haus direkt dorthin baut, wo tagein, tagaus tausende Fahrzeuge vorbei brettern. Nun, wahrscheinlich ist es so, dass die Verkehrsanbindung einfach wichtiger ist und die Erschließungskosten schlichtweg zu hoch sind.

Einer dieser Höfe ist riesig. Jede Menge neu errichtete Gebäude sind inzwischen um das ursprüngliche Bauernhaus gruppiert. Ein gewaltiges Anwesen.
Als ich heute Morgen auf diesen Hof zufuhr – auch er liegt natürlich direkt an der Straße – konnte ich sehen, wie ein gewaltiger Traktor von einem der angrenzenden Gebäude kommend auf die Straße zufuhr. Augenscheinlich musste er sie überqueren, um zum jenseits der Straße gelegenen Feld zu gelangen.
Ein stattlicher Rottweiler begleitete den Traktor. Er war wohl vom Führer der Zugmaschine aus seinem Zwinger geholt worden und zeigte überschwängliche Freude darüber. Fast tänzelnd lief er um den Trecker herum und machte dabei regelrechte Luftsprünge. Die reine Lebensfreude.
Mein erster Gedanke galt der Straße. Doch dann dachte ich, niemand würde einen Hund einer solchen Gefahr aussetzen, es sei denn, er ist sich sicher, dass der Hund damit umgehen kann.
Ich war etwa noch hundert Meter vom Hof entfernt und schaute mir diese Szene völlig fasziniert an, da der Rottweiler diese geballte Lebensfreude zeigte.
Da geschah es. Der Hund lief seitlich zum Traktor gewand vor diesem her und ließ dabei den Fahrer nicht aus den Augen. Das Fahrzeug hatte jetzt den Straßenrand erreicht und stoppte.
Plötzlich machte der Rottweiler einen Satz und stand mitten auf der Straße, immer noch seinen Herrn fest im Auge.
Der auf der Gegenfahrbahn ankommende BMW hatte keine Chance. Er war nur zehn Meter entfernt, als der Überschwang den Hund auf die Straße trieb. Das Bremsmanöver zeigte kaum Wirkung. Die Stoßstande traf genau den massigen Schädel des Vierbeiners. Leblos wurde das Tier nach vorne geschleudert und rotierte acht- neunmal um die eigene Achse über den Asphalt, bevor es in das hohe Gras des Begrenzungsstreifens glitt und dort liegen blieb.
So schnell habe ich nie Leben aus einem Körper schwinden sehen.
Während mir noch die ganze weitere Fahrt die Knie zitterten, konnte ich im Rückspiegel sehen, dass der Bauer seinen Traktor über die Landstraße auf das Feld bewegte. Ob er abgestiegen ist, habe ich nicht gesehen.
In der Landwirtschaft hat man wahrscheinlich ein anderes Verhältnis zum Leben.

Harte Schläge auf den Hinterkopf

•November 23, 2006 • 3 Kommentare

Manche Menschen verdienen das einfach. Vorpremiere zu Casino Royale. Vollbesetzter Kinosaal. Härtere Actionszenen als jemals zuvor in einem James-Bond-Film, Folter und Totschlag. Hervorragende Ausnutzung der Dolby-Anlage. Schnelle Schnitte, bewegte Kamera, viel Blut. In der zweiten Hälfte des Films eine kurze Entspannung. Zwei Protagonisten unterhalten sich in einem edlen Lokal. Da kommt von irgendwo her ein Babygeschrei her. Aber die beiden sind doch alleine in dem Lokal. Was soll das denn jetzt, fragte sich jeder. Ein paar wahnsinnige Eltern haben ihr Baby mit in einen abendfüllenden Action-Spielfilm genommen. Zum Donnerwetter, wenn ihr keinen Babysitter findet, dann bleibt gefälligst zuhause. Tut das dem Kind nicht an! Ja, es hat einen Grund, dass das Kind nicht mehr aufhört zu schreien. Es fühlt sich nicht wohl im Kino. Also verschwindet endlich! Und tut das nie mehr! Nein, das taten die Eltern natürlich nicht. Sie wollten sehen, wie der Film zuende geht. Während des Abspanns konnte man die Goldeltern bewundern. Ach, wie nett, sie haben gleich noch die ältere Schwester des Babys mit ins Kino genommen, ca. zehn Jahre alt. Bestimmt fand sie den Film ganz kuschelig. Fürs Führen eines Autos braucht man ein Fahrerlaubnis. Und für die Kindererziehung? Da helfen nur harte Schläge auf den Hinterkopf der Eltern.

Schon wieder eine Illusion weniger

•November 22, 2006 • 1 Kommentar

Bislang habe ich geglaubt, nur Männer können das. Nicht zuletzt wegen einer der letzten „Wetten dass?!“ Sendungen. Hm, ganz klare Fehleinschätzung.

Aus der tiefsten Magengegend

•November 22, 2006 • Schreibe einen Kommentar

Heute morgen habe ich es wieder geübt. Vor dem heimischen Kassettenrekorder. Auf die Aufnahmetaste gedrückt. Einen Augenblick meditiert. Mit zutiefst aufstoßende Wahrheiten ins Hirn gerufen. Und es dann einfach aufsteigen lassen. Magenerbebend. Angsteinflößend. Erdbebenverursachend. Ein tiefes Knurren. Dann auf Stop gedrückt, zurückgespult und Probe gehört. Die Katzen in der Wohnung auf der anderen Straßenseite der vierspurigen Fahrbahn sprangen elektrisiert von der Fensterbank. Erfolg.

Seit einigen Monaten mache ich das einmal wöchentlich. Seitdem ich auf den Trichter gekommen bin, dass die Sprachzentren vieler Gegenüber einer sauberen Argumentation einfach nicht folgen können und meine körperliche Konstitution nicht geeignet ist, physische Gewalt anzudrohen.

Heute morgen habe ich es mal wieder gebraucht. Ich hatte mich gerade in Ruhe zurechtgesetzt, in der Straßenbahn, die ich von morgens halb neun bis neun mein Heim heiße. Neben mir ein ziemlich dicker Kerl, nein, mir ist heute nicht nach sprachlicher Korrektheit, ein Fettsack, der sich mit einer Handvoll von Kleinen Feiglingen aufwärmte.  Er atmete lauter als eine startende A380. Und stank.

Auftritt: die Kontrolleure. Der eine gemütlich-dick, der andere schlank-energisch. Aber das ist nicht der Unterschied, auf den es meinem Nachbarn ankam. Nein, es waren die Hautfarben. Denn das dünne Hemd hatte tiefschwarze Pigmente.

Ich spürte so richtig, wie mein Nachbar sich aufplusterte. Er pumpte Luft in sich hinein, riss die Augen auf, der Druck in seinem Kopf wurde so stark, dass gleich noch ein paar Haare ausfielen, und die Knie zuckten polyrhythmisch. Als er genug Magma in seinem Magen gesammelt hatte, brach es aus ihm raus: „Was willst Du mich kontrollieren, Schwatter? Haste ’nem Deutschen den Job weggenommen, watt.“

Ja, so sprechen Engel.

Der Kontrolleur blieb ruhig, forderte die Fahrkarte und verdrehte folgerichtig die Augen, als ihm diese nicht von Herrn Fettsack präsentiert wurde. Stattdessen ein stetes Keifen mit rassistischen Obertönen. Der Kontrolleur blieb weiterhin ruhig und forderte noch einmal die Fahrkarte. Die entstehende Pause nutzte ich:

Ich aktivierte das tiefe Grollen in mir. Keiner wusste, woher der Klang meines internen Subwoofers rührte. Doch die Unschuldigen schlossen die Augen und fühlten sich geborgen. Dieser fette Waldwutz neben mir hingegen, mit seiner angerosteten Seele, fühlte sich ertappt, die Augen zuckten hektisch hin und her, und die dicken Wangen schienen noch mehr zu hängen als zuvor. Ich meinte sogar, ein Angstfurz entfleuchte seinem Arsch.

Mit aus dem Takt gekommenen Atem holte er irgendwo eine gültige Fahrkarte aus der Hose im Greasy-Style, presste sie demfarbigen Kontrolleur in die Hand und als die Bahn dann an einer Haltestelle stoppte, hetzte er die Stufen hinunter, stolperte, raffte sich wieder auf und ging in die Unterführung.